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Raunächte – ein alter Brauch

Jahrtausende sind vergangen seit unsere Vorfahren auf der Nordhalbkugel der Erde zum ersten Mal die Raunächte gefeiert haben. Ich erzähle hier von einem uralten Brauch und den Hintergründen, die dazu geführt haben. Parallelen zu heutigen Erzählungen und Vorstellungen könnt Ihr dann selbst ziehen.

Warum sind die alten Bräuche entstanden?

Jede Jahreszeit hat ihren Zauber, aber auch ihre Tücken. Die Zeiten bestimmen unser Verhalten und unsere Kleidung. Drei Grundbedürfnisse – nach dem der Gesundheit – zeichnen nicht nur unsere Gattung aus, sondern jedes Lebewesen, das auf diesem Planeten existiert: Essen, Trinken und Wärme. Wenn diese Bedürfnisse befriedigt sind, kommt gleich danach die Paarung. Um einen attraktiven Partner erobern zu können, muss man selbst anziehend sein. 

Die äusserlichen Schönheitsideale spielten allerdings früher in einer Sippe eine untergeordnete Rolle.

Handwerkliches Können, Geschicklichkeit, Intelligenz und direkt danach Kraft und Schnelligkeit waren die gesuchten Qualitäten. Es ging schlichtweg ums Überleben. Um in Urzeiten überleben zu können, musste man sich in der Natur gut auskennen, Vorräte an Nahrung, Wasser und Brennholz sammeln können, fähig sein, Kleidung und Gebrauchsgegenstände herstellen und benutzen, man musste sich selbst, die eigene Familie und die Sippe verteidigen können. In entspannten Zeiten waren Talente für schöne Dinge wie Tanzen, Musik, Kunst, Charme und Redegewandtheit gefragt.

Um der Natur und den Elementen zu danken, weil es unseren Ahnen gut ging und sie gut versorgt waren und auch, um sich im besten Licht vor den potenziellen Partnerinnen und Partnern zu zeigen, sind die Jahreskreisfeste entstanden. Die Sommerfeste waren vermutlich die ersten Feste, die gefeiert wurden. In den Sommermonaten fanden die Versammlungen befreundeter und verwandter Sippen statt. Jedes Mal war eine andere Sippe der Gastgeber. Die ersten spontanen Feste wurden gefeiert, weil man sich nach langer Zeit wieder gesehen und sich darüber gefreut hat. Es gab viel zu erzählen, Güter wurden getauscht, es wurde getanzt, musiziert, üppig gegessen und getrunken. Und weil es so schön war, hat man sich für das nächste Jahr wieder verabredet. So sind aus spontanen Treffen regelmässige Feste entstanden. Weil die Handwerker viel mehr hergestellt haben, als die eigene Sippe brauchte, mussten sie nach einem grösseren Markt für die Waren suchen.

So ein Fest war die ideale Gelegenheit, eigene Ware einem grossen Publikum anzubieten, ohne von Dorf zu Dorf wandern zu müssen. Die damaligen Sommerfeste sind die Ursprünge aller heutiger Kirmessen und Rummelplätzen. Spass wollte man haben, damals wie heute. Die Feste fanden statt nach dem Abschluss wichtiger Tätigkeiten und das waren Aussaat, entspanntes Zusammensein während der Wachstumsphase und anschliessend die Erntedankfeste. Da Menschen schon immer gesellige Wesen waren, suchte man in ruhigen  Wintermonaten auch Gesellschaft. Damals musste die eigene Sippe genügen, denn das Reisen in Wintermonaten war nicht möglich. In dieser Zeit ging es ruhiger und bedächtiger zu. Nicht nur bei freudigen Angelegenheiten, sondern auch in schlechten Zeiten, bei Trauer und Angst ist man näher zusammengerückt, denn Nähe bringt Trost, Zuversicht, Kraft und Wärme.

Wie wir sehen, ist es heute nicht wesentlich anders. Die Merkmale haben sich verschoben und gewandelt, aber die Grundbedürfnisse sind gleichgeblieben. Wenn wir Partys feiern, wollen wir einen guten Tanzpartner an unserer Seite haben, wenn wir angegriffen werden, einen starken Krieger und wenn wir hungrig sind, einen Koch mit reichlich gefüllten Vorratskammern. Bei letzterem und einigen anderen modernen Bedürfnissen hilft heutzutage ein gut gefüllter Geldbeutel. Auch heute geht es immer noch darum, gut versorgt und umsorgt zu sein. Das wird uns, wenn die Zeiten härter werden und die Preise steigen, schmerzlich vor Augen geführt. Was nutzt uns das viele Geld, wenn es nichts zu kaufen gibt?

Aus diesen Bedürfnissen und Anlässen haben sich die alten Bräuche entwickelt und wurden an die kommenden Generationen weitergegeben. Ich gebe Euch das gerne weiter, so wie mir das einmal mein Uropa erzählt hat, als ich ein junges Mädchen war. Für meine Erzählung benutze ich die gängigen, bekannten Begriffe aus der Zeit der keltischen Kultur… Mokosch oder Mokoš ist eine der altslawischen Erdmütter und steht für die feuchte Erde. Mokosch herrscht über den Winter, Regen und Schnee. Ihr Tag ist der letzte Freitag Ende Oktober bis zum 1. November, Samhein.

Sie ist eine Fruchtbarkeitsgöttin und Beschützerin der Frauen, Kinder, der Gebärenden und der stillenden Mütter. Sie ist die Patronin der Web- und Spinnkunst und Beschützerin der Schafe und Lämmer. Sie spinnt die Fäden des Schicksals der Welt. Sie ist die Heilerin und Seherin. Im Altertum wurden oft die Heilerinnen, Wahrsagerinnen und weise Frauen Mokosch genannt. Im frühen Christentum wurde sie als schreckerregende Gestalt dargestellt, aus Teilen verschiedener Tiere, mit Hühnerfüssen. Alt, monströs und hässlich wurde sie gezeigt, was weit entfernt war von der Vorstellung einer liebenden und beschützenden Erdmutter.

Die Jahreskreisfeste vor und während der Raunächte

Jede Jahreszeit hat einen Zauber inne, und für mich trägt der Winter die grösste Magie in sich. Unsere Vorfahren kannten 5 Jahreszeiten: Frühjahr, Sommer, Herbst und zwei Winter. Sie haben sich nicht nach dem Kalender, sondern nach Sonne und Mond gerichtet. Daher weichen meine Angaben von kalendarisch festgehaltenen Festlichkeiten ab. Die offiziellen Feste auf unserem Hof finden immer an einem Samstag statt und richten sich nach kalendarisch gehaltenen Festtagen, denn dann sind normalerweise auch die Feiertage/Ferien gesetzt. Für uns persönlich feiern wir wie unsere Vorfahren, nach Sonnen- und Mondphasen. Hier stelle ich zwei von acht Jahreskreisfesten vor, welche die Wintersonnenwende und Raunächte umrahmen.

Samhein – Neumond Anfang November

Alles Neue entsteht im Dunklen. Ein Samenkorn in der Erde, ein Baum im Unterholz, ein Kind im Mutterleib, ein Tag beginnt in der Morgendämmerung. So verhält es sich auch mit dem Jahreszyklus. Zu SAMHEIN von Neumond Ende Oktober bis Anfang November, heute Allerheiligen, beginnt das keltische Jahr. Bei Neumond, am Anfang der dunklen Jahreszeit. Es ist das letzte Erntedankfest. Die letzte Ernte, Beeren, Nüsse und Pilze sind in den Vorratskammern. Ab diesem Zeitpunkt gehören alle noch hängenden Früchte der Natur und den Tieren. Es darf nichts mehr gesammelt werden. Der Samen fällt auf den Boden, wird in der Erde versteckt, so dass er im Frühjahr wieder keimen kann. Zu Samhein sind die Wände zwischen den Welten hauchdünn. Wir können mit unseren Ahnen sprechen. Zum SamheinFest wird das Tanzen eingestellt, alles kommt zur Ruhe.

Zu Samhein wurde der Wunschbaum aufgestellt. Normalerweise war das ein Bäumchen, dass an Dürre oder Krankheit vorzeitig gestorben ist. An das Bäumchen wurden Bänder mit Wünschen gebunden. Der Wunschbaum stand auf dem Dorfplatz von Samhein bis zum Jul-Fest. In dieser Zeit konnte jeder seinen Wunsch daran binden. Für eine Sippe oder ein Dorf wurde immer nur ein Baum aufgestellt. Zum alten Brauch gehörte es auch, vor Türen oder Fenster einen Teller mit Speis und Trank für die verstorbenen Ahnen zu stellen und im Fenster eine Kerze anzuzünden, damit sie den Weg finden. Die Spiegel wurden mit dicken Tüchern verhangen, denn zu Samhein könnte man die Geister im Spiegel sehen und das wollte man nicht unbedingt.

Zu Samhein beginnt der erste Winter und dauert bis zum Jul-Fest, der
Wintersonnenwende. Es wurde Zeit, die Wintervorräte zu prüfen und zu sichern. Jeder ging auf der Suche nach dem letzten üppigen Bissen vor der Winterruhe. Wie viel Heu wurde gesammelt? Wie viele Tiere kann man über den Winter satt bekommen? Bis spätestens Mitte oder Ende November sind alle Insekten verschwunden, welche das Fleisch verderben könnten. Jetzt war die richtige Zeit, die überschüssigen Tiere zu schlachten, Fett zu gewinnen und das Fleisch zu dörren, also haltbar zu machen. In den wassernahen Regionen wurde Fisch für den Winter gefangen und getrocknet. Nicht nur Fleisch und Fisch wollten getrocknet werden, sondern auch die letzten Beeren, Nüsse und Pilze, die wir gesammelt haben.

Bis zum Julfest stand noch sehr viel Arbeit an. Die Häuser und Ställe wurden gelüftet, gekehrt und ausgeräuchert. Das Saatgut wurde sortiert und Vorratskammern vor Feuchtigkeit und Räubern geschützt. Alles was in der Winterzeit die Erde berührt, fault. So wurde alles was über die Erde lebte, aufgehängt und alles was unter der Erde war in trockenem Sand lichtgeschützt verpackt. Aus den Räucherkammern wehte duftender Rauch. Über den Sommer gewonnene Fasern wie Wolle, Flachs, Brennnesseln wurden sortiert und vorbereitet für die Weiterverarbeitung über die langen Winternächte. Das Feuerholz wurde gespalten und näher bei den Feuerstellen gestapelt. Sobald es schneite, war es wichtig, zu allem Notwendigen kurze Wege zu haben.

Bis Ende November – Anfang Dezember waren fast alle Arbeiten im Freien beendet. Dann fingen die sogenannten SPERRNÄCHTE an. Alles was draussen über den Winter Schaden nehmen könnte, galt es in Sicherheit zu bringen. Die landwirtschaftlichen Geräte, Tröge, Wannen, Felle und alles was wir über das Jahr draussen brauchen, wurde in die Scheune oder in das Haus gebracht, sozusagen weggesperrt. Daher kommt der Name SPERRNÄCHTE. Und es wurde ausgemistet. Der abgebrochene Griff an der Axt oder an der Heugabel wanderte ins Feuerholz und über den Winter wurden in der warmen Stube neue Griffe geschnitzt und angepasst. Es wird immer dunkler, die Sonne schafft es mancherorts nicht mehr, über den Horizont zu schauen.

Aus Tierfett und Bienenwachs wurden Kerzen und Lampen produziert. Die Fenster an den Hütten waren damals sehr klein und es gab nicht viele davon, um die Wärme im Hausinneren zu behalten. Die einzigen Lichtquellen waren die Feuerstellen, Lampen und Kerzen. Die dunkle Jahreszeit hält, was sie verspricht. Viele dieser Vorgehensweisen werden auch heute noch genauso vollzogen. Heutzutage werden die SPERRNÄCHTE entweder mit Nikolaus am 06.12. eingeläutet, das ist ein ganz neuer Brauch, oder am 04.12. zum Barbaratag, nach der älteren Tradition und dauern bis zum Jul-Fest – der Wintersonnwende.

Am Barbaratag wird ein Zweig von einem Obstbaum geschnitten, meistens Kirsche, ins Haus gebracht und feierlich in ein Gefäss mit Wasser gestellt. Wenn der Barbarazweig bis zur Wintersonnenwende aufgeblüht ist, ist das ein gutes Omen für den Winter. Niemand wird krank, die Wintervorräte reichen aus und das Frühjahr kommt beizeiten.

Jul-Fest – Wintersonnenwende 21. Dezember

Schon damals war klar, dass Beschäftigung den Kummer vertreibt. Neben den täglichen Aufgaben bereiteten unsere Ahnen das grosse Fest vor. Schliesslich galt es dem kranken Sonnenkind und der alten Mokosch das Vertrauen zu beweisen, dass die Sonne gesund wird und die neue, fruchtbare Zeit wieder kommt. Der grösste Beweis dafür war es, die Wintervorräte zu verspeisen. An nichts wurde gespart. Die kostbarsten Stücke wurden aus den Vorratskammern herausgeholt und für das Fest zubereitet.

Schinken, Filet, Früchte, Nüsse, Torten, Gebäck, dass sich die Tafeln bogen. Die Sippe war gross und es konnten unerwartete Gäste kommen, zum Beispiel Landstreicher oder Reisende, die kein Dach über dem Kopf hatten. Zur Wintersonnenwende wurde grosszügig geteilt und die Türen waren für alle offen. Es galt als Sünde und als schlechtes Omen, jemanden in dieser Nacht von der Tür zu weisen. So wurde es fröhlich, hell beleuchtet und festlich.

Zum JUL-FEST war alles vorbereitet. Nur noch eine Sache fehlte. Der Weihnachtsbaum, würde man heute sagen. Und jetzt erzähle ich von einem sehr alten Brauch, der sich in meiner Heimat Kroatien bis heute gehalten hat, zumindest mit dem Namen. Auch dort wird heute zu Heiligenabend ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Der Heiligenabend heisst in Kroatien immer noch Badnjak. Als Badnjak wurde damals der Tag und die Nacht vor der Wintersonnenwende bezeichnet. Der Name kommt vom Wort Badanj, was so viel wie Höhle oder hohler Baum bedeutet. Als Badanj werden auch die tiefen grossen Gefässe zum Traubenstampfen, Wäsche kochen und ähnlichen Arbeiten bezeichnet. Unsere Vorfahren sind in den Wald gegangen und haben Ausschau nach einem hohlen Baumstamm gehalten, etwa so gross wie die häusliche Feuerstelle.

Die besten Stämme waren die, die mit Pilzen, Moos oder Flechten bewachsen waren. Die grünen Zweige von Ilex, der Stechpalme, immergrüne Zweige von Tannen oder Fichten und Mistelzweige wurden gesammelt. Alles was auch im Winter grün ist, lebt und verspricht eine grüne Pracht im Frühjahr. Der Badanj, der hohle Baumstamm, wurde wie ein Füllhorn oder wie eine Gesteckunterlage benutzt. Er wurde reich geschmückt mit bunten Bändern, getrockneten Nüssen und Beeren, Wunschzettel konnten hineingesteckt werden, denn Wünsche konnte man nie genug haben.

Für diesen Zweck gefertigte Amulette und alles, was einem einfiel und später nicht vermisst wurde, steckte man in den hohlen Stamm. Auch der Julweizen und der Barbarazweig fanden auf dem Badanj Platz. Am Jul-Fest, zur Wintersonnwende am 21.12. wurde es heiss und hell. Die Feuer loderten. Zum einen als Zeichen, dass die Menschen noch lebten, oder als Aufforderung, mitzufeiern. Zum anderen sollten die vielen Feuer dem kranken Sonnenkind Kraft spenden.

Zum Jul-Fest wurde der Wunschbaum aufs Festfeuer draussen und der Badnjak auf die häusliche Feuerstelle gelegt. Der Wunschbaum trug die Wünsche in die Anderswelt. Dort durfte er ein prächtiger grosser Baum werden und die Wünsche würden in Erfüllung gehen. Der Badanj war eine Opfergabe. Man verzichtete auf etwas, um etwas anderes dafür zu erhalten. Damals wurden keine Menschen aufs Feuer gelegt. Jedes Sippenmitglied war zu wertvoll, um geopfert zu werden, ebenso die Tiere. Sie landeten höchstens als Festbraten im Feuer oder auf dem Grill. Noch heute ist es Brauch in Kroatien, eine Roulade in Form eines alten bewachsenen Baumstammes zu backen.

Ob der heutige Weihnachtsbaum aus dem Wunschbaum oder dem Badanj entstanden ist, spielt nicht wirklich eine Rolle. Für mich ist es wichtig, immer einen toten Baum als Wunschbaum zu nehmen. Ich weigere mich, einen jungen gesunden Baum für diesen Zweck aus dem Leben zu reissen.

Die guten Wünsche und gute Omen waren in diesen Tagen nie überflüssig. Letztendlich herrschte noch immer tiefster Winter. Man füllte die Seele mit vielen guten Wünschen und Vorhersagen, um dem zweiten Winter hoffnungsvoll entgegenzublicken. Die Nächte waren lang und die Angst sehr präsent. Bevor man damals in den Winterblues fiel, dachte man lieber daran, dass man jemanden unter dem Mistelzweig geküsst hat, ein Wunsch im hohen Funkenflug in die Anderswelt gegangen ist, man eine kleine Münze gefunden hat oder einem eine weisse Katze über den Weg gelaufen war und man hoffte auf ein glückliches Ende. Jeder Strohhalm war ein guter Halt für die kommende Zeit, denn es würde noch hart werden.

Raunächte

Mit dem JUL-FEST begann der zweite Winter. Tiefer Schnee, grosse Kälte und die Abgeschiedenheit plagten unsere Vorfahren. Das festliche Essen wurde so zubereitet, dass es noch tagelang zu geniessen war, denn die RAUNÄCHTE kamen und das war die Zeit der Stille und Kontemplation. Alle Arbeiten in und um das Haus wurden eingestellt. Das Fest wurde gefeiert. Es war Zeit zum Beten, eine Zeit der Stille und eine Zeit des Bangens. In Grunde genommen war das wie eine Krankenwache. Es brannten die Kerzen, die Unterhaltungen fanden nur flüsternd statt, die weisen Alten haben sich zurückgezogen und beobachteten, was draussen geschah. Beobachtet wurde Tag und Nacht, daher gab es immer mehrere Beobachter. Jeder der 13 Tage stand für eine Mondphase, einen Monat. 13 Tage sind es bei den Raunächten, denn das Jahr besteht aus 12,5 Mondphasen und wenn wir noch die Zeit der Raunächte dazu zählen, sind es genau 13 Mondphasen – 13 Monate. Daher wird diese Zeit im Volksmund auch heute noch die Zeit zwischen den Jahren genannt. In dieser Zeit passierte im Himmel nicht viel. Die Tage wurden kaum länger. Es war eine Zeit des Wartens und der Hoffnung. Die Alten beobachteten und zeichneten das Wetter an diesen 13 Tagen auf. Sehr wahrscheinlich zogen sie auch eine Rune oder ein anderes Orakel, unter welchem ein Monat im kommenden Jahr stehen sollte. Sie räucherten und beteten.

Die restlichen Sippenmitglieder sassen ebenfalls nicht mit verschränkten Händen da. In der Stille wurde orakelt. Bleigiessen ist ein sehr alter Brauch. Noch älter ist das Orakel der Partnersuche. Es werden Holzplätzchen, Holzstäbe, Baumrinde, Papier- oder Stoffstücke oder etwas Brennbares benutzt, um den Richtigen oder die Richtige zu finden. Diese Stückchen wurden am Badnjak oder zum Jul-Fest ausgesucht und beschriftet oder geritzt, in der neueren Zeit entweder mit Buchstaben oder früher mit Symbolen. 13 möglichst gleich grosse und schwere Stücke mussten es sein. 12 wurden beschriftet und ein Stück wurde unbeschriftet gelassen. Es konnten die Namen, Berufe, Fertigkeiten oder Eigenschaften des begehrten Geschlechts sein, was in diese Orakelstücke geschrieben oder geritzt wurde.

Alle diese Stücke kamen in einen Stoffbeutel oder in einen Hut und wurden gut durchgemischt. An jedem der 12 Abende wurde ein Stück herausgeholt und ungesehen im Herdfeuer verbrannt. Tricksen würde Unglück bringen. Am 13. Abend wurde das letzte Stück herausgeholt und gelesen. Was darauf stand, würde in Erfüllung gehen. Dieses Stück wurde unter das Kopfkissen gelegt und man hoffte, im Traum den oder die Zukünftige zu sehen. So ein Stück wurde bei sich getragen, bis die Vorhersage in Erfüllung ging. Dann wurde es ebenfalls verbrannt und damit die Beziehung besiegelt, so dass sie nicht gebrochen werden konnte. Wenn das unbeschriftete Stück übrig blieb, war die Zeit noch nicht gekommen, um den richtigen Partner zu finden.

Die RAUNÄCHTE beginnen immer einen Tag nach dem Jul-Fest, am 22. Dezember jeden Jahres. Sehr lange schon mache ich Aufzeichnungen während der Raunächte. In den letzten Jahren habe ich Schwankungen wahrgenommen. In manchen Jahren, genauer gesagt, jedes zweite oder dritte Jahr, stimmt der Anfang der Raunächte mit dem neueren Brauch überein, Weihnachten. Nach diesem Brauch beginnen die Raunächte am 25. Dezember. Sicherheitshalber zeichne ich beide Versionen auf.

Spätestens im März des kommenden Jahres zeigt sich dann, welche der beiden Prognosen tatsächlich stimmt. Jahreszeiten und Ernteperioden verschieben sich andauernd. Daran kann ich die Tendenz sehen, um Vorbereitungen für Aussaat und Ernte so gut wie möglich zu bestimmen. Ein zu feuchtes oder ein zu dürres Jahr bringt gewaltige Probleme mit sich. Somit ist nicht das Beharren auf ein Datum wichtig, sondern das Ergebnis. An jedem der 13 Tage wird das Wetter aufgezeichnet. So sollte dann das Wetter in der entsprechenden Mondphase im kommenden Jahr auch werden.

Am ersten Tag bis zum ersten Vollmond nach den Raunächten, am zweiten bis zum zweiten Vollmond und so weiter. Natürlich können wir nicht erwarten, mitten im Winter sommerliche Temperaturen zu haben, so genau können Hitze oder Kälte nicht vorhergesagt werden. Bekannt ist, dass sich zum Vollmond das Wetter ändert, daher wird immer von einem bis zum anderen Vollmond gerechnet. Bei der Vorhersage bedeutet Wind einen windigen Monat, Nebel bedeutet Feuchtigkeit, Niederschlag steht für Regen oder Schnee, klarer Himmel für sonnige Tage. Am Ende des 13. Tags, am 3. oder am 6. Januar, je nachdem, welchen Brauch wir als Grundlage nehmen, kehren die weisen Alten zur Sippe zurück und überbringen die Botschaft über das kommende Jahr. Entweder es wurde gejubelt und gefeiert oder man steckte die Köpfe zusammen und besprach Strategien für ein schlechtes Jahr.

Zu diesem Zeitpunkt konnte man allmählich wahrnehmen, dass die Tage ein bisschen länger wurden. Die alte Mokosch hatte es geschafft, das kranke Sonnenkind zu heilen. Das war die frohe Botschaft welche erwartet wurde. Die Sippe erwachte aus der Starre und jeder widmete sich seiner winterlichen Beschäftigung. Es wurde wieder gekocht, gewaschen, Handarbeiten gemacht und alles verrichtet, was in der Winterzeit anstand. Die Vorräte wurden gut eingeteilt, vor allem die, die länger haltbar waren. Prognose hin oder her, eine sichere Reserve musste da sein, aufessen konnte man es später immer noch.

Der zweite Winter war angebrochen. Womöglich lag tiefer Schnee. Das Haus zu verlassen, wurde beschwerlich und meistens gefährlich. Jede Verletzung oder Krankheit konnte zu dieser Zeit das Leben kosten. Und draussen lauerten viele Gefahren – hungrige Raubtiere, berstende oder fallende Bäume, Erfrieren, in ein verborgenes Loch fallen und wer weiss was noch. Die Sippe rückte enger zusammen und gab sich gegenseitig Hoffnung, Wärme und Halt.

Das genesene Sonnenkind bleibt noch bis Anfang Februar, Jahreskreisfest IMBOLG, bei der alten Mokosch. Es muss noch aufgepäppelt werden, um wieder über den Himmel zu reisen. Die Sippe gibt alles, um den zweiten Winter zu überstehen. Die Wintervorräte werden immer weniger. Das Frühjahr soll bitte so schnell wie möglich wieder kommen. Demut, Dankbarkeit und Respekt sind die Eigenschaften, welche unsere heutige Gesellschaft wieder erlernen muss.

Zu viele Jahrzehnte musste in unseren Breitengraden fast niemand hungern und auf die Natur warten, um eine üppigere Mahlzeit zu bekommen. Es wäre wünschenswert, wenn wir alte Bräuche zum Anlass nehmen würden, um uns diese schönen Eigenschaften wieder anzueignen. Ein kleiner Verzicht in der traditionellen Fastenzeit könnte uns dabei helfen. Lassen wir mal Schokolade, Fleisch, Kuchen oder etwas anderes, was wir gerne essen oder trinken weg. Wenn wir es dann bewusst wieder zu uns nehmen, schmeckt es unglaublich köstlich. So können wir ein bisschen nachempfinden, wie glücklich unsere Vorfahren waren als die neue fruchtbare Periode wieder eingebrochen war. So froh, dass sie es feiern mussten.

Die Raunächte kommen bald auf uns zu. Das Jahr bringt noch weitere sechs Jahreskreisfeste nach altem Brauch mit, über die ich gern berichten will. Die Feste mit deren Bräuchen reihen sich durch das Jahr wie eine Perlenkette aneinander und bauen aufeinander auf. Daher reden wir von einem Jahreskreis und Jahreskreisfesten.